Es ist Samstagabend auf der Anlage des TC Blau-Gelb Bonn-Beuel, und die Stimmung ist noch immer aufgeladen. Das Doppelfinale von heute hat die Zuschauer auf eine emotionale Achterbahnfahrt geschickt – und es waren wieder Deutsche, die für den lautesten Jubel und die tiefste Stille des Tages gesorgt haben. Morgen folgt das Einzel-Finale. Was diese Woche in Bonn-Beuel schon jetzt klar gemacht hat: Der deutsche Nachwuchs ist bereit für die große Bühne.
Vier 17-Jährige, vier Wildcards
Die Bonn Open 2025 haben dem deutschen Nachwuchs von Anfang an eine besondere Bühne bereitet: Gleich vier Wildcards für das Hauptfeld gingen an Jamie Mackenzie, Diego Dedura, Niels McDonald und Max Schönhaus – alle vier 17 Jahre alt, alle vier mittendrin in ihren ersten Schritten auf der Profi-Tour. Kein anderes Turnier in Deutschland hat in dieser Woche mehr junge deutsche Talente gleichzeitig auf dem Platz gehabt.
Jamie Mackenzie – der Center Court bricht aus
Den lautesten Moment der Woche lieferte Jamie Mackenzie am Montag. Der Youngster vom Düsseldorfer Rochusclub, dem sein Spitzname „Rote Rakete" die Haarfarbe verdankt, eröffnete das Hauptfeld auf dem Center Court – und ließ den Platz in Ekstase ausbrechen. In gerade einmal 19 Minuten gewann er den ersten Satz 6:0, überstand im zweiten einen Minieinbruch beim Stand von 5:4 und servierte am Ende zum Matchgewinn aus: 6:0, 6:4 gegen den Brasilianer Matheus Pucinelli de Almeida. Es war Mackenzies allererster Sieg in einem ATP-Challenger-Hauptfeld. Die Fans feierten ihn frenetisch. Im Achtelfinale am Mittwoch war gegen den erfahrenen Jurij Rodionov Endstation – aber der Eindruck bleibt.
Diego Dedura – Berliner Toptalent vor vollem Center Court
Ebenfalls am Dienstag stand Diego Dedura im „Match of the Day" auf dem Center Court. Der 17-Jährige aus Berlin, der erst vor Kurzem Denis Shapovalov auf der ATP-Tour besiegt hatte, traf auf den Litauer Vilius Gaubas – ein harter Los. Dedura fand zu spät in das Match und unterlag 2:6, 4:6. Aber auch er hinterließ seinen Eindruck – am Dienstagabend stand er bei der Players & Sponsors Night vor über 100 Spielern, Sponsoren und Gästen aus Wirtschaft, Politik und Sport und sprach über seine Ziele als Jungprofi. Genauso souverän wie auf dem Court.
Max Schönhaus und Niels McDonald – im Doppel das Beste der Woche
Max Schönhaus war nach seiner Qualifikationsniederlage gegen Gonzalo Villanueva schnell aus dem Einzel raus. Niels McDonald, amtierender Junioren-Champion der French Open, verlor nach einem starken ersten Satz noch 6:4, 4:6, 4:6 gegen den Bulgaren Yanaki Milev. Im Doppel aber haben beide eine ganz eigene Geschichte geschrieben. Als Wildcard-Duo schlugen sie in der ersten Runde die serbischen Zwillinge Sabanov und sorgten damit für die erste Überraschung im Doppelfeld. Im Viertelfinale stießen sie auf die anderen Deutschen – und mussten sich Tim Rühl und Patrick Zahraj klar 3:6, 1:6 geschlagen geben. Aber auch das war ein Moment: zwei deutsche Wildcard-Duos im Doppel-Viertelfinale bei einem ATP Challenger.
Mats Rosenkranz – der Lucky Loser, der es zweimal wissen wollte
Mats Rosenkranz ist 26, kommt aus Essen und hat diese Woche die Herzen der Fans gewonnen. In der Qualifikation verlor er nach fünf abgewehrten Matchbällen noch im Tiebreak gegen den Ungarn Peter Fajta. Dann bekam er als Lucky Loser doch noch eine Chance – und nutzte sie: Clément Tabur aus Frankreich hatte gegen ihn nichts zu bestellen. Im Achtelfinale spielte Lautaro Midon schlicht zu fehlerfrei, um Rosenkranz in Probleme zu bringen. Trotzdem hat der Essener diese Woche gezeigt, was ein Lucky Loser aus einer zweiten Chance machen kann.
Tim Rühl und Patrick Zahraj – heute Abend um 22:08 Uhr hat ihnen das Glück gefehlt
Und dann ist da die Geschichte, über die morgen alle reden werden. Tim Rühl und Patrick Zahraj kamen mit einer Wildcard ins Doppelfeld und schlugen in der ersten Runde das topgesetzte Duo Théo Arribage und Luca Sanchez aus Frankreich – ein Ergebnis, das Court 2 für einige Minuten in eine Partyzone verwandelt hat. Seither gewannen sie Runde um Runde, warfen McDonald und Schönhaus aus dem Turnier und besiegten im Halbfinale auch Campana Lee und Matusevich.
Das Finale heute Abend gegen Mick Veldheer und Neil Oberleitner wird lange in Erinnerung bleiben – leider nicht mit dem erhofften Ausgang. Rühl und Zahraj führten im zweiten Satz 6:5 und hatten Matchball beim eigenen Aufschlag. Den zweiten. Und auch den ersten. Den Tiebreak verloren sie. Im Match-Tiebreak lagen sie 9:7 vorne – drei weitere Matchbälle. Insgesamt fünf Mal stand der Titel zum Greifen nah. Am Ende siegten Veldheer und Oberleitner 4:6, 7:6(3), 12:10. Die Zuschauer spendeten beiden Teams stehende Ovationen. Für Rühl und Zahraj war es trotz der Niederlage der größte Abend ihrer Karriere.
Morgen ist Finale
Morgen, Sonntag, 10. August, steht das Einzel-Finale an. Die Deutschen kämpfen dann nicht mehr mit – aber sie haben diese Woche ihren Teil dazu beigetragen, dass die Bonn Open 2025 ein Turnier ist, über das man noch lange sprechen wird. Ob Mackenzies erster Challenger-Sieg, Deduras Auftritt, das Doppel-Abenteuer von McDonald und Schönhaus, Rosenkranz' Lucky-Loser-Comeback oder das Drama von Rühl und Zahraj heute Abend: Es war die Woche des deutschen Nachwuchses.